Aus unserer Praxis: Fallbericht 1: Depression, Darm und ein roter Faden!

Wie sehr es sich bei einer Depression lohnt, sich Zeit für ein ausführliches Gespräch zu nehmen, eine gründliche Untersuchung durchzuführen und eine Therapie auf körperlicher Ebene im Fokus zu haben,  hat mir erneut dieser Patientenfall aus meiner Praxis gezeigt.


Gestärkt durch dieses wunderbare Erlebnis des Arztseins, möchte und werde ich diese Form der Medizin weiter vorantreiben, denn es ist notwendiger denn je, dass wir uns für unsere Patienten Zeit nehmen und uns mit der Ganzheit des Menschen auseinander setzten, um heilen zu können.

Es handelte sich um eine 33 jährige Frau, die seit Ihrer Jugend an einer depressiven Erkrankung mit Angstkomponente litt. Sie stellt sich vor mit folgenden Worten:
"Liebe Frau Doktor, ich benötige ihre Unterstützung. Ich möchte, dass sie alles durchuntersuchen, ohne dass sie auf anfallenden Kosten schauen, denn diese sind zweitrangig für mich. Ich habe einen großen Leidensdruck und alles was ich probiert habe inklusive mehrfache Psychotherapie und allerlei Psychopharmaka konnten mir nicht helfen. Ich kann mir mittlerweile nicht mehr erklären, was die Auslöser für meine Panikattacken sind. Sie kommen und gehen und führen in große Unsicherheit! Sie beeinflussen meine Familiensituation und meinen Job! Außerdem habe ich das Gefühl, dass körperlich etwas nicht stimmt, aber ich kann ihnen nicht genau sagen was!"

Den Fall aufrollen!

Wir führten ein ausführliches Gespräch und sie berichtete, dass sie seit ihrem 14. Lebensjahr an dieser Störung litt, die damals schon in eine soziale Isolation führte. Die Pubertät war somit schon schwer und mit Anfang 20 war es unumgänglich sich zum ersten mal stationär behandeln zu lassen. Zu Beginn wurde in mehrfachen Psychotherapien nach traumatischen Erlebnissen gesucht, die nie definitiv gefunden werden konnten. Es bestehe zwar in der Familie eine genetische Disposition hin zu depressiver Erkrankung, aber nicht stark ausgeprägt. Was ihr aber immer mehr auffalle, sei, dass sie Jahreszeiten abhängig und besonders Ende Winter nach einer depressive Episode mit großer Sicherheit eine Panikattacke habe. Gleichzeitig fühle sie sich immer mehr antrieblos, schwach, habe immer wieder leichte körperliche Schmerzen und könne daher derzeit auch keinen Sport mehr machen. Diese Symptome seien definitiv nahrungsabhängig: Alkohol, schlechte, aber auch zu viel Nahrung verschlechtern die Symptomatik. Hingegen wenig Nahrung und das Richtige zur richtigen Zeit verbessern jeweils, besonders die Antriebslosigkeit.

Die körperliche Untersuchung nie auslassen!

Ich führte darauf hin eine genaue körperliche Untersuchung durch, wobei diese bis auf einen doch etwas druckschmerzhaften und gasgefüllten Darm unauffällig war. Dies war aber leider auch zu erwarten, da die Patientin ja im Prinzip gesund schien und mehrfach durchuntersucht geworden war.

Auf der Suche nach dem roten Faden!

Nun für mich als Ärztin war es wunderbar, die Erlaubnis der Patientin zu haben mit allen meinen  diagnostischen Möglichkeiten verschiedenste Körpersysteme anzusehen, ohne sparen zu müssen:
Da ich die Darmfunktion der Patientin im Gespräch und auch in der Durchuntersuchung als einziges als Störfeld erachtete, führte ich über das Labor Ganzimmun einen sogenannten Darmcheck durch, um heraus zu finden, ob die Verdauung regelrecht verlief, die Darmflora im Ungleichgewicht war oder Pilze sich zu stark ausgebreitet hatten, ob es irgendwelche Hinweise für ein sogenanntes "Leaky gut- einen löchrigen Darm" gab, ob eine Entzündung im Darm vorhanden war und ob das Immunsystem des Darmes regelrecht arbeitete.


Gleichzeitig führe ich in so einer Situation immer eine Nährstoffanalyase durch, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Wenn ein Darm langjährige Probleme aufweist, wie bei dieser Patienten schon voraussichtlich viele Jahre, dann werden höchst wahrscheinlich auch zu wenig Nährstoffe, wie Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe aufgenommen. Dies führt dann auch dazu, dass entsprechende Stoffwechselvorgänge nicht mehr funktionieren können, wie eben bei Depression die Serotoninproduktion, die Zink, Vitamin B6 und Magnesium, Folsäure und Eisen abhängig ist.


Zur Bestätigung unserer Vermutung wollte ich noch einen sogenannten proinflammatorischen Zytokinstatus durchführen, der meine These der Darmstörung und der damit verbundenen Immunsystemaktivierung unterstützen sollte.



Endlich ein roter Faden!

Folgende Befunde zeigten sich:

Darmcheck pathologisch: Clostridien und E.coli Überwucherung
Nährstoffanalyse pathologisch: Zink, Magnesium und Kaliummangel, Vitamin D grenzwertig
proinflammatorischer Zytokintatus: Hohe Interleukin 6 Spiege
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Dazu muss man wissen:

Clostridien und E. Coli Bakterien sind eigentlich normaler Mitbewohner unseres Darmes, allerdings eben nur dann, wenn sie eine gewisse Anzahl nicht überschreiten. Zahlen über 10 Tausend pro Gramm Stuhl sind aber eben nicht mehr tolerabel, da der Stoffwechsel dieser Keime im Darm Fäulnis versursacht, die unseren Darm und unseren Körper belasten. E. coli sind zusätzlich noch sehr wichtig, da sie unser Immunsystem stimulieren, aber wenn sie in der Überzahl sind, sind sie wiederum doch schädlich für unseren Darm und führen letztendlich in eine Entzündung des Darmes. Diese Keime, die vornehmlich im Dickdarm angesiedelt sind, können sich zusätzlich so stark vermehren, dass es zu einer Überwucherung des Dünndarmes (Overgrowth Syndrom) kommt, die dann die Verdauung und auch Aufnahme der Nährstoffe beeinträchtigen kann. (1)

Weiters wird durch die Entzündung jenes Interleukin 6 in hohem Maße ausgeschüttet, das dann zu Symptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit bis hin zur Depression führt. Auch Muskelbeschwerden und Appetitlosigkeit zählen dazu, also all jene uns bekannten Symptome, wenn wir akut erkranken. (2)

Darmsanierung als Schlüssel für Therapie bei Depression!

Wir begannen also den Darm zu sanieren und gleichzeitig die Nährstoffe zu substituieren. Nach  der Therapie war die Patientin beschwerdefrei was die körperliche Symptomatik betraf und auch die Depression wich nach und nach. Bis heute hatte die Patientin keine Panikattacke mehr, macht Sport und ist aktiver den je. Ihr Fokus liegt bis heute auf ihrer Darmgesundheit und sie hat gelernt diesen so zu unterstützen, dass er nicht mehr in diese Situation gerät. (3)

Zu guter Letzt habe ich die Patient nochmals gebeten nochmals einen proinflammatorischen Zytokinstatus als Kontrolluntersuchung durchführen zu dürfen, um unsere Therapie zu untermauern:

In der erneuten Kontrolluntersuchung zeigte sich der Zytokinstatus unauffällig, insbesondere IL 6  war im Normbereich.



Literatur:

(1) https://medicalforum.ch/article/doi/smf.2018.03208

(2) Fatigue Is Associated With Serum Interleukin-6 Levels and Symptoms of Depression in Patients on Chronic Hemodialysis Maurizio Bossola, MD, Enrico Di Stasio, MD, Stefania Giungi, MD, Fausto Rosa, MD, and Luigi Tazza, MD Hemodialysis Service (M.B., S.G., F.R., L.T.), Division of Transplantation and Dialysis; and Department of Clinical Chemistry (E.D.S.), Catholic University of the Sacred Heart, Rome, Italy

(3)Darmflora und Depression: M Lima-Ojeda, R Rupprecht, TC Baghai - Der Nervenarzt, 2020 - Springer


About the Author Verena Hackl

Dr. Verena Hackl ist Allgemeinmedizinerin mit langjähriger Erfahrung in Gesundheits-, Alternativ- und Regulationsmedizin. Sie steht für eine Medizin, die die ursächliche Behandlung in den Mittelpunkt stellt. Diese hat das Ziel, den Menschen gesund zu machen und seine Gesundheit zu erhalten. In Ihrer Wahlarztpraxis in Dornbirn nimmt sie sich ausreichend Zeit für ihre Patienten, um Krankheiten ursächlich zu behandeln.

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