Die sechs Stadien eines Vitaminmangels

Inhalt des Artikels

Was sind Vitamine und wofür sind sie wichtig?
Die 6 Stadien eines Vitaminmangels nach Brubacher!
Wie kann der Körper trotz Mangel funktionieren?
Wie gut sind wir in der heutigen Zeit mit Vitaminen versorgt?
Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Arzt?
Warum nur eine Labor kontrollierte und damit gezielte Substitution Sinn macht?

Was sind Vitamine und wofür sind sie wichtig?

Vitamine sind chemische Verbindungen, die der Körper nicht selbst herstellen kann und daher der Mensch täglich mit der Nahrung aufnehmen muss. Da sie unabdingbar an allen Stoffwechselfunktionen des Körpers beteiligt sind, führt ein Mangelzustand je nach Ausprägung in Funktionsverlust und Krankheit des Körpers. Hormonproduktion- und funktion, Neurotransmitterproduktion- und funktion, Entgiftung, Zellwachstum und Immunsystem sind abhängig vom Vorhandensein von Vitaminen.
Vitaminmängel führen umgekehrt in schwere Krankheiten und ab einem gewissen Mangelzustand auch in den Tod.

6 Stadien eines Vitaminmangels nach Brubacher 

(siehe Abb.1)
Es ist nur wenig bekannt, dass es SECHS Stadien eines Vitaminmangels gibt.  
Die ersten drei Stadien sind subklinisch und daher symptomlos. In diesen Stadien ist es für den Arzt ohne Labor schwer eine gezielte Aussage darüber zu machen, welches Vitamin fehlt, da die Symptome oft unspezifisch sind. [1]

Im ersten Stadium besteht ein latenter Mangel, wodurch ein plötzlich erhöhter Bedarf durch z.B. eine Attacke von Grippe-Viren nicht abgedeckt werden kann.  Es lassen aber auch vitaminabhängige Enzyme und Hormone entsprechend nach.

Bereits im zweiten Stadium kann die Immunantwort verringert sein und der Körper neigt zu chronifizierten Infekten, die schlecht ausheilen.

Ein dauerhafter Mangel im dritten Stadium kann dann zu chronischen Krankheiten führen (Arteriosklerose oder Arterienverkalkung, Herzkrankheiten, Diabetes und Krebs).

Im vierten Stadium zeigen sich klinische aber unspezifische Allgemeinsymptome (Müdigkeit, Leistungsschwäche, erhöhte Empfindlichkeit für z.B. Erkältungen).

Erst im fünften Stadium ist für schulmedizinisch ausgebildete Ärzte das Symptom eines Mangels auf ein spezifisches Vitamin zurückzuführen. Dies ist der Grund warum die offiziell empfohlene Tagesempfehlung für Vitamine, basierend auf der unbewiesenen Niedrigdosis-Hypothese, nur darauf abzielt die fünfte Stufe – die vorletzte Stufe vor dem Tod – zu verhindern

Das sechste Stadium führt in den Tod eines Menschen.

Abb.1

Wie kann der Körper trotz Mangel funktionieren?

Professor Bruce Ames, leitender Arzt einer Forschungsabteilung am Kinderkrankenhaus Research Institute in Oakland beschreibt die Körperreaktion auf einen Vitaminmangel als einen Triage-Mechanismus. [2]  Die Verteilung von Mikronährstoffen erfolgt zu Gunsten des kurzfristigen Überlebens, aber daher auf Kosten der langfristigen Gesundheit.

Mit anderen Worten, Mikronährstoffe werden zuerst den wichtigsten Körperfunktionen zugewiesen,  wie die der Energieproduktion zur Zeit eines erhöhten Bedarfs, während zum Beispiel die DNA-Reparatur auf Grund des daraus resultierenden Mangels an Mikronährstoffen nur mehr defizitär durchgeführt werden kann. Auf den ersten Blick erscheint die Person dann zwar immer noch gesund, der Mangel an DNA-Reparatur würde jedoch über eine langen Zeitraum z.B. in eine Krebserkrankung führen können, da dem Erbgut weniger Ressourcen an Reparaturmöglichkeit zur Verfügung gestanden hat. Dieser Mechanismus ähnelt der Körperreaktion auf Sauerstoffmangel, bei dem der Blutfluss in erster Linie  dem Gehirn, dem Herzen und den Nebennieren  zu geführt wird und alle anderen Organe bis zu einer verbesserten Sauerstoffversorgung zurück stehen müssen.

Wie gut sind wir in der heutigen Zeit mit Vitaminen versorgt?

Man müsste meinen in der heutigen Zeit des Nahrungsüberschusses in Europa müssten wir alle ausreichend mit Nährstoffen versorgt sein. Aber nährstoffarme Böden durch Monokulturen und Massenanbau, unreife Ernte, lange Transportwege und schlechte Lagerung sind die Hauptursache für den Mangel an Nährstoffen in unseren Nahrungsmittel, der durch die Nahrungskette in uns seinen Endpunkt findet.

Insbesondere  kann es jedoch zu einem manifesten Nährstoffmangel eines Menschen kommen, wenn der Bedarf an Nährstoffen seinen Tagesbedarf übersteigt. Dazu zählen Situationen wie: Längere Krankheit und Operationen, chronische Krankheiten, wie  Darmerkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck, Arteriosklerose, rheumatische Erkrankungen und neurologische Erkrankungen, aber auch bestimmte Ernährungsgewohnheiten, Schwangerschaft und Stillzeit, Wachstumsphase, Leistungssport und langanhaltende Stressphasen. In diesen Situationen ist die Nährstoffzufuhr auch unter optimaler Versorgung mit gesunder Nahrung nicht meist nicht ausreichend.

Um diesem Aspekt Rechnung zu tragen, hat ein Autorenteam um Barbara Troesch aktuell die Daten der NVS II (Nationale Verzehrstudie II aus Deutschland) einer differenzierten Auswertung unterzogen [3]. 

Herausgekommen ist eine übersichtliche "Ampelkennzeichnung"

Diese weist Männer und Frauen im Alter zwischen 19 und 50 Jahren aus, bei welchen die Vitamin-Zufuhr aus Lebensmitteln häufig  mit mehr 75 % bzw. > 50 – 75 % der Bevölkerung oder selten mit 5 – 25 % oder weniger als 5 % unterhalb der Soll-Referenzwerte liegt  (siehe Abb 2.).
Als besonders kritisch haben sich die Vitamine D und Folsäure erwiesen; mehr als 75 % der Bevölkerung erreichen die Zufuhrempfehlungen nicht. Aber auch für die Vitamine C und E (Männer und Frauen) sowie B1 und B12 (Frauen) ist die Zufuhr für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung (> 25 – 50 %) verbesserungswürdig. Selbst bei sonst als wenig problematisch geltenden Vitaminen (A, B2 und B6) weisen 5 – 25 % der Bevölkerung eine zu geringe Zufuhr auf.

Abb.2

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Arzt?

Lebensphasen und Lebensumstände bestimmen den Verbrauch bzw. den Bedarf an Vitaminen und auch anderen Mikronährstoffen. Besonders folgende Situationen sollen anhand  Empfehlungen [4],[5] Beachtung beim Patienten und auch beim Arzt finden:

Befindet sich der Mensch in einem besonderen Lebensabschnitt, der einen erhöhten Nährstoffbedarf benötigt (z. B. Wachstum, Leistungssport, Schwangerschaft und Stillzeit): Vitamine A, B1, B2, B6, Niacin und Folsäure

Bestehen bestimmte restriktive Ernährungsform (z. B. vegan lebende Personen): Vitamin D und Vitamin B12 bzw. ernährt er sich sehr einseitig (Fast Food und Kantinenesse): Vitamin C, E, Folsäure; sehr restriktive Reduktionsdiäten: praktisch alle Vitamine?

Bestehen Lebensmittelunverträglichkeiten, so dass auf bestimmte Vitaminquellen verzichtet wird (z. B. Lactoseintoleranz): Vitamin B2 , Fruktoseintoleranz: Vitamin C

Lebensstil: Chronisch überhöhter Alkoholkonsum führt häufig zu einem Nährstoffdefizit. Betroffen sind vor allem die Vitamine A, D, B1, B6 und Folsäure. Raucher haben häufig  ein Vitamin-C-Defizit.

Gesundheitszustand: Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts wie Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen oder atrophische Gastritis vermindern die Freisetzung und/oder die Absorption der Vitamine aus der Nahrung: Alle Vitamine und Spurenelemente

Chronisch konsumierende Erkrankungen: Bedingt durch die Erkrankung selbst, aber auch durch die therapeutische Intervention, weisen Tumorpatienten häufig ein Vitamindefizit auf . Auch multimorbide Senioren in Pflegeheimen sind oftmals unterversorgt. Betroffen sind praktisch alle Vitamine (Ausnahme: Vitamin A), insbesondere die Vitamine B1, B2, B6, B12, D, E und C . Menschen mit Diabetes mellitus, Hochdruck und Arteriosklerose sind prädisponiert selektive Nährstoffmängel zu bekommen.

Längerfristige oder chronische Arzneimitteleinnahme: Einige Pharmaka können die Absorption, Distribution und Exkretion von Vitaminen beeinflussen und ggf. eine Vitaminunterversorgung bedingen. Beispiele: Hemmung der Freisetzung von Vitamin B12 aus der Nahrung durch Protonenpumpeninhibitoren und verminderte Vitamin-B12-Absorption durch Cholestyramin und Metformin ; Senkung der Folsäure-Blutspiegel durch Antikonvulsiva wie Phenytoin, Phenobarbital und Primidon  und Störung des Folsäurestoffwechsels durch Methotrexat.

Warum nur Labor kontrollierte Substitution aus unserer Sicht Sinn macht?

Wenn ein Patient den Verdacht hegt, dass seine Symptome einem Vitaminmangel oder auch einem anderweitigen Nährstoffmangel zu Grunde liegen, so sollten diese Mängel hinsichtlich der oben angegebenen Stadieneinteilung labortechnisch quantifiziert und auch entsprechend hochdosiert substituiert werden, da ab bestimmten Bereichen eine reine Nahrungsergänzung oder Optimierung der Ernährung nicht ausreichen wird, um einen Mangelzustand zu beheben.

Ein Kontrolllabor dient dann bei kurzfristig hochdosiert Nährstoffzufuhr zuzuführen, die Aufnahme über den Darm sicher zu stellen. Darmstörungen verhindern natürlich das Aufnehmen der Nährstoffe, auch wenn ein gezieltes Zuführen durch einen Arzt stattgefunden hat. Hier muss also das vordergründige Ziel sein, den Darm so zu sanieren, dass eine Aufnahme der wichtigen Nährstoffe durch die Nahrung wieder möglich ist.  

Eine langfristige Substitution erachten wir auf Grund der Datenlage bezüglich Überdosierungen mit Mikronährstoffen als grundlegend falsch.




[1] Brubacher G. Was versteht man unter subklinischem Vitaminmangel? In: Mangelernährung in Mitteleuropa? Kongress 1. Und 2. Oktober 1981. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart (1982) S. 54.

[2] Ames BN. Low micronutrient intake may accelerate the degenerative diseases of aging through allocation of scarce micronutrients by triage. PNAS Nov 2006, 103 (47) 17589-17594; DOI: 10.1073/pnas.0608757103.

[3] Troesch B, Hoeft B, McBurney M, Eggersdorfer M, Weber P. Dietary surveys indicate vitamin intakes below recommendations are common in representative Western countries. Br J Nutr. 2012;108:692-8.

[4] Bechthold A, Albrecht V, Leschick-Bonnet E. Beurteilung der Vitaminversorgung in Deutschland. Teil 2: Kritische Vitamine und Vitaminzufuhr in besonderen Lebenssituationen. Ernährungs Umschau. 2012;57:396-401

[5] Hahn A, Ströhle A, Wolters M unter Mitarbeit von Hahn D, Lechler T. Ernährung - Physiologische Grundlagen, Prävention, Therapie., (3. Aufl.) Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (in Vorbereitung)

About the Author Verena Hackl

Dr. Verena Hackl ist Allgemeinmedizinerin mit langjähriger Erfahrung in Gesundheits-, Alternativ- und Regulationsmedizin. Sie steht für eine Medizin, die die ursächliche Behandlung in den Mittelpunkt stellt. Diese hat das Ziel, den Menschen gesund zu machen und seine Gesundheit zu erhalten. In Ihrer Wahlarztpraxis in Dornbirn nimmt sie sich ausreichend Zeit für ihre Patienten, um Krankheiten ursächlich zu behandeln.

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