Chronisches Schmerzsyndrom – ein eigenständiges Krankheitsbild

Wenn Schmerz sich verselbständigt

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal des Köpers und ist somit ein wichtiger Faktor zur Erhaltung der Gesundheit. Dahinter stecken entweder mechanische, chemische und physikalische Störungen oder Keime, die in unseren Körper eindringen wollen. Ist die Ursache erkannt und rasch beseitigt, so kommt es zu einem raschen Abklingen der Symptome und zu einer Ausheilung des Körpers.

Der chronische Schmerz hingegen ist eine eigenständige Erkrankung ohne Warnfunktion, für die fehlender Organbefund und Verselbstständigung des Schmerzgeschehens typisch sind. Die Ursache des chronischen Schmerzes kann zwar in einer akuten Schmerzsituation gelegen sein, aber durch mangelnde Beseitigung der Schmerzursache und des Schmerzes insgesamt, formt sich im Körper ein sogenanntes Schmerzgedächtnis und in ein eigenständiges Krankheitsbild.

Merkmale des chronischen Schmerzsyndroms:

1. Ständiger oder immer wiederkehrender nicht mehr zuordenbarerer Schmerz
2. Bildung eines Schmerzgedächtnisses mit verstärktem Schmerzempfinden besonders nachts und in Ruhe
3. Löschen des Schmerzgedächtnisses ist durch pharmakologische Therapie nicht möglich.
4. Im emotionalen Bereich kann Dauerscherz in eine Depression führen. Getriggert durch eine dauernde Ausschüttung von Substanz P, einem Neurohormon, das bei Schmerzen ausgeschüttet wird und eine dauerhafte Aktivierung von Entzündungsmediatoren nach sich zieht und  mit Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit endet.
5. Dauerschmerz führt in körperliche Inaktivität und sozialer Isolation
6. Diese Veränderungen zusammen führen schließlich zu einer Chronifizierung des Schmerzes, die nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Berufsfähigkeit und die familiäre Situation der Betroffenen stark beeinträchtigt.

Neueste Erkenntnisse der Gehirnforschung bezüglich Schmerz

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren erheblich dazu beigetragen, chronischen Schmerz besser zu verstehen. So weiß man zum Beispiel, dass Schmerz vor allem in der Großhirnrinde verarbeitet wird und es bei anhaltendem Schmerz aber zu Veränderungen in der Signalübertragung kommt, die mit einer Dauerstimulation zu vergleichen sind und der betroffene Mensch immer sensitiver auf Schmerz wird. Dies äußert sich in Schmerzüberempfindlichkeit und in der Wahrnehmung nicht schmerzhafter Reize als schmerzhaft. „Außerdem ist davon auszugehen, dass sich ein kortikales somatosensorisches Schmerzgedächtnis bildet“, erklärte Prof. Dr. Herta Flor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI), Mannheim. Das Schmerzgedächtnis unterliegt mit der Zeit also einer eigenen Dynamik. Beispielsweise können Schmerzgedächtnisspuren auch ohne stimulierende Reize zu Schmerzen führen, weil die erweiterte kortikale Repräsentationszone mit einer höheren Empfindlichkeit einhergeht. Erschwerend kommt hinzu, dass das Schmerzgedächtnis nur schwer zugänglich ist. Die Umbauprozesse im Gehirn, die durch chronischen Schmerz ausgelöst werden, können kaum bewusst verarbeitet werden, weshalb sie auch schwer zu beeinflussen sind.

Chronischer Schmerz - also ein komplexes Phänomen

Chronischer Schmerz ist ein so komplexes Phänomen, dass ihm nicht allein mit Medikamenten oder chirurgischen Eingriffen beizukommen ist. Man trägt heute diesem Umstand Rechnung, indem man von einem biopsychosozialen Schmerzmodell ausgeht. Neben organischen Faktoren spielen darin die Vergangenheit und die gegenwärtige Situation des Patienten, seine Familie, das soziale Umfeld, belastende Ereignisse und andere psychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle. Diese Faktoren beeinflussen sich wechselseitig. Sie können sowohl Ursache als auch Folge der chronischen Schmerzerkrankung sein und tragen zu ihrer Aufrechterhaltung oder Besserung bei. Entsprechend diesem theoretischen Hintergrund erfolgt die Schmerzbehandlung idealerweise interdisziplinär und multiprofessionell.

Interdisziplinäre und multiprofessionelle Behandlung

Medizinische, physiotherapeutische und psychologische Therapiemöglichkeiten sollten jedenfalls, wenn möglich parallel angeboten werden:

Therapeutische Herangehensweise an den Schmerz in unserer Praxis:

  • Die Schmerzanamnese ist äußerst wichtig und beinhaltet neben dem Aufrollen der Krankengeschichte und der Fokussuche, das Zuhören und das Ernst nehmen des Arztes/ Therapeuten des Patienten. Es beinhaltet also die notwendige Zuwendung und Aufmerksamkeit, die das Phänomen des Schmerzes verlangt und die der Patient sich oft selbst nicht mehr geben kann.
  • Diagnostische Mittel sind neben allen bildgebenden Möglichkeiten, wie Röntgen, Ultraschall oder MRT, vor allem die genaue Durchuntersuchung und das sich empfindsame Nähern an den Schmerz mit tasten und berühren der schmerzempfindlichen Stellen. Oft ist allein dadurch schon ein gute Eingrenzbarkeit des Schmerzes gegeben und der therapeutische Ansatz differenzierter.
  • Die Behandlung soll fächerübergreifend und sowohl passive als auch aktive Methoden enthalten. In erster Linie muss allerdings der Dauerschmerz unterbrochen werden. Dazu stehen dem Arzt neben pharmakologischen Arzneimitteln vor allem alternative Methoden zur Verfügung: Neuraltherapie, Akupunktur, Phytotherapie und orthomolekulare Medizin, die sich mit Spurenelementen, Vitaminen und Mineralstoffen beschäftigt.
    Osteopathie, Physiotherapie, Massagen, Ernährungsberatung und aktive Bewegungstherapie
    sollen den Teufelskreislauf des Schmerzes unterbrechen helfen.

About the Author Verena Hackl

Dr. Verena Hackl ist Allgemeinmedizinerin mit langjähriger Erfahrung in Gesundheits-, Alternativ- und Regulationsmedizin. Sie steht für eine Medizin, die die ursächliche Behandlung in den Mittelpunkt stellt. Diese hat das Ziel, den Menschen gesund zu machen und seine Gesundheit zu erhalten. In Ihrer Wahlarztpraxis in Dornbirn nimmt sie sich ausreichend Zeit für ihre Patienten, um Krankheiten ursächlich zu behandeln.

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